Philippinen: Zwangsarbeit in Cyber-Betrugszentren
Mit falschen Jobversprechen locken Kriminelle Tausende auf die Philippinen, wo sie als Online-Betrüger arbeiten müssen. In staatlichen Internierungslagern warten die aus den Betrugszentren Befreiten auf ihre Heimkehr.

Täter und Opfer
"Yes my love", "Okay sweetheart" - ein ehemaliger Betrugsarbeiter zeigt im Interview mit der Nachrichtenagentur AP Nachrichten, mit denen er seine Opfer täuschte. "Wind", so sein Pseudonym, ist selbst ebenso Täter wie auch Opfer: Ein Verwandter lockte ihn aus seinem Dorf in Südchina auf die Philippinen. Doch statt wie versprochen einen Bürojob zu erhalten, musste "Wind" Menschen betrügen.
Erzwungene Abzocke
Bis zu 16 Stunden am Tag musste "Wind" in seiner Zeit als Zwangsarbeiter komplexe Online-Betrüge durchführen - blieb er hinter den Erwartungen zurück, wurde er geschlagen und anschließend für mehrere Tausend Dollar an andere Kriminelle weiterverkauft. Seit seiner Befreiung durch die philippinische Polizei wartet "Wind" in diesem provisorischen Haftzentrum darauf, nach China zurückkehren zu dürfen.
Kampf gegen die Kriminellen
In den vergangenen Jahren entstanden in Südostasien - von den Philippinen bis Kambodscha - zahlreiche im großen Stil betriebene Cyberbetrug-Netzwerke. Die philippinische Regierung unter Präsident Ferdinand Marcos Jr. geht seit einigen Jahren mit der Presidential Anti-Organized Crime Commission strikt gegen die Kriminellen vor.
Improvisiertes Internierungslager
Wäsche befreiter Zwangsarbeiter trocknet Hof des Internierungslagers in Pasay. Dieses befindet sich in einem ehemaligen Betrugskomplex: Die philippinische Regierung wandelte das sechsstöckige Gebäude kurzerhand in eine provisorische Haftanstalt um. So sind einige der ehemaligen Zwangsarbeiter noch immer am selben Ort gefangen, an dem sie für die Cyberkriminellen arbeiten mussten.
Schöner Schein
Blau leuchtet ein leerer Swimmingpool auf dem Gelände des berüchtigten Bafou-Betrugszentrums in Bamban, etwa anderthalb Stunden von Manila entfernt. In dem riesigen, aus 36 Gebäuden bestehenden Komplex wurden Hunderte Zwangsarbeiter festgehalten - getarnt war es als Online-Casino. 2024 wurde das Betrugszentrum von der Polizei gestürmt - und "Wind" zusammen mit 400 weiteren Arbeitern befreit.
Stumme Zeugen
SIM-Karten und Computerteile liegen auf dem Boden des Bafou-Komplexes. In die kriminellen Machenschaften war auch die damalige Bürgermeisterin Bambans verstrickt: Alice Guo deckte die kriminellen Machenschaften und nutze das Netzwerk zur Geldwäsche von Millionenbeträgen. Im November 2025 wurde sie zu lebenslanger Haft wegen Menschenhandels verurteilt.
Ausharren bis zur Auslieferung
Zeit totschlagen: Dieser Vietnamese hat sich aus Wasserkanistern und einem Holzstab eine improvisierte Hantel gebaut. Wochen, Monate, manchmal Jahre harren die ehemaligen Zwangsarbeiter im Internierungslager aus, bis ihre Rückführungen organisiert sind. Jeweils vier bis sechs Personen sind auf hölzernen Etagenbetten in einem Zimmer zusammengepfercht, andere schlafen auf Matratzen auf dem Boden.
"Ich wurde geschlagen"
Viele Internierte berichten von Misshandlungen während ihrer Zeit als Zwangsarbeiter: Ein Schlagstock und Handschellen sind im "Folterraum" des ehemaligen Betrugszentrums in Pasay zu sehen. Ein weiterer Zeuge aus China berichtete gegenüber AP, er sei mehrfach misshandelt worden. "Ich wurde geschlagen, weil ich mich am Betrug nicht beteiligen wollte", so der ehemalige Zwangsarbeiter.
Massiver Menschenhandel
Befreite Arbeiter warten im Internierungslager vor der Kantine. Viele der Internierten stammen aus umliegenden Ländern wie Malaysia, Vietnam und China; auch ein Mann aus Madagaskar ist darunter. Das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte schätzt, dass mehr als 300.000 Menschen aus 66 Ländern Zwangsarbeit in den kriminellen Cyber-Netzwerken Südostasiens leisten müssen.